Das verwaiste Haus
Einfachste Wohnverhältnisse fanden wir vor. Die letzte Erneuerungswelle muss schon vor Jahrzehnten erfolgt sein, wahrscheinlich dürfte sie ins 19.Jahrhundert zurück reichen. Brüchiger Inlaid lag über morschen Bodenbrettern und Dutzende von Tapetenschichten überdeckten die Wände über dem Brüstungstäfer. Die Decken von Küchen und Gängen waren vergipst, in den Wohn- und Schlafräumen vertäfert und mit Ölfarbe grau gestrichen. Die Luft roch nach Armenhaus und die Feuchtigkeit hat einiges dazu beigetragen, dass ein Aufenthalt in diesen Räumen alles andere als gemütlich war. Dazu kam, dass alles abmontiert und ausgeräumt war, was ein Liebhaber alter Baukultur schätzt. Sogar das Wasserschiff des Kochherdes und die prächtigen alten Türschlösser wurden entführt. Die vielen Abwandungen und nummerierten Zimmer (1 - 14) verwirrten uns und wir brauchten einige Tage, bis wir uns orientieren konnten.
Die Lebensweise in den letzten Jahrzehnten muss nicht gerade komfortabel gewesen sein, aber doch schon etwas besser als bis ins 19. Jahrhundert, als die Hausfrauen das Wasser im Keller oder vom Sodbrunnen im Höfchen holen mussten.
Für die drei Wohnungen, die um 1844 im 2.OG eingebaut wurden, standen nur 2 gusseiserne Ausgussbecken in den Vorplätzen zur Verfügung. Hier konnten die Leute das Wasser für die Körperpflege und zum Kochen holen. Die Schweineställe wurden anscheinend schon längere Zeit nicht mehr benutzt, denn es wuchsen bereits Farne auf den Balken des eingefallenen Daches. Während der vordere “Wurz- und Krautgarten“ teilweise von Italienern genutzt wurde, lag der hintere Baumgarten vollkommen verwildert da. Eingewachsene Drahtgeflechte liessen auf die letzte Verwendung als Hühnerhof schliessen.
Die Scheune sah noch bedenklicher aus. Das Dach war durchlöchert und eine Wand gegen den oberen Nachbarn gab es nicht. Im Stallteil lagen noch die morschen Dielen der Kuhpritschen. Immerhin waren irgendwann einmal ein neues Gebälk über dem Stall und eine Kalksandsteinwand gegen das Tenn gebaut worden. Für ein früheres Dorffest hatte man einen Plastikhimmel über den Heuboden gespannt, der Regen und fallende Ziegel abhielt. Der Schopf hinter der Scheune war mit einer Lattenwand gegen aussen abgeschlossen.

Noch hatten wir keine Ahnung, was in dieser Bruchbude alles steckte. Unser ehemaliger Nachbar und Teilbesitzer unseres Hauses Fritz Meier, Totengräber in der 3.Generation, erzählte uns später, dass das Haus früher zur Farnsburg gehört hätte, ein Thiersteinerwappen den alten Türbogen am Wohnhaus zierte und ein Sodbrunnen irgendwo im Höfchen sein müsste. Diese Aussagen machten uns neugierig und wir stürzten uns ins Abenteuer der Entdeckungen und in das Studium der Baugeschichte dieses Hauses.
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